Nahwärme? Nahwärme!

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Gemeinden wie Möggingen oder Liggeringen machen es uns vor: Nahwärmekonzepte sind auch auf dem Land wirtschaftlich zu betreiben und haben wesentliche Vorteile für die angeschlossenen Haushalte und die Umwelt!

In der aktuellen Situation, mit rapide steigenden Preisen für fossile Energie und einer nicht zu verantwortenden Abhängigkeit vom Wohlwollen eines Staates, der sich an Kriegsverbrechen schuldig macht, empfiehlt sich ein Wärmenetz, betrieben mit erneuerbarer Energie, sowohl wirtschaftlich als auch moralisch!

Deshalb treiben der AK Klimaschutz und der Ortschaftsrat Dingelsdorf das Thema engagiert voran. Von der Stadt Konstanz wurde uns mitgeteilt, dass die Vororte nicht priorisiert werden, die Stadtwerke Konstanz fallen also als Partner aus, wir sind aber mit anderen Partnern im Gespräch.

Überblick:

Info-Abend „Nahwärme-Versorgung – Möglichkeiten für Dingelsdorf“ am 6. Juli 2022

mit Info-Tischen und Impuls-Vorträgen von

  • Lorenz Heublein, Leiter der Stabsstelle Klimaschutz, Stadt Konstanz
  • Gerd Burkert, Geschäftsführer Energieagentur Kreis Konstanz, zum Thema Rechts- und Fördersituation von Nahwärmeanlagen
  • Dr. Markus Tittelbach zum Thema Nutzung Seewasser-Wärme
  • Hermann Leiz, Ortsvorsteher Liggeringen, Erfahrungsbericht Nahwärmenetz
Hermann Leiz (Ortsvorsteher von Liggeringen), Markus Tittelbach (Konstanz klimapositiv 2030), Heiner Fuchs (Ortsvorsteher Dingelsdorf), Gerd Burkert (Geschäftsführer der Energieagentur Kreis Konstanz) und Lorenz Heublein (Leiter der Stabsstelle Klimaschutz in der Stadtverwaltung)
Bild: Nikolaj Schutzbach

„Es ist höchste Zeit zu handeln“ Bericht von Nikolaj Schutzbach

Dingelsdorf soll Nahwärmenetz erhalten, Wärmegewinnung aus dem Bodensee wäre möglich

Ein eigenes Nahwärmenetz könnten sich Ortschaftsrat und Verwaltung für Dingelsdorf vorstellen. Bei einer Informationsveranstaltung in der Thingolthalle brachten sie die Idee den Einwohnern näher. Rund 30 Interessierte kamen, wie Verwaltungsleiterin Gabriele Steffens gezählt hat – ohne Ortschaftsräte und sonstige zur Veranstaltung Gehörende, erklärte sie.

Es ist höchste Zeit zu handeln“, betonte Ortsvorsteher Heiner Fuchs in seiner Einleitung. Er äußerte sich verwundert darüber, dass noch viele Menschen ob der Nachrichtenlage tiefenentspannt seien und verwies auf die Energiekrise und den Krieg in der Ukraine als herausragende Ereignisse. Den Radolfzeller Ortsteil Liggeringen benannte er als Vorbild. „Die sind seit drei Jahren dort, wo wir irgendwann sein wollen“, sagte er anerkennend.

Das Thema sei dem Ortschaftsrat nicht neu, denn der Arbeitskreis Klimaschutz und Biodiversität befasse sich bereits seit längerem mit diesem Thema. „Die Klimaziele sind gesteckt. Es wäre sicher sinnvoll, dass wir uns einen Ruck geben und anpacken“, sagte Heiner Fuchs nachdrücklich.

Dass besser und mehr gehandelt werden muss, das sieht auch Lorenz Heublein so. Er vertrat kurzfristig Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn, der sich am Nachmittag unverhofft in Quarantäne begeben musste. „Klar ist, wir müssen deutlich schneller werden“, forderte der Leiter der Stabsstelle Klimaschutz in der Stadtverwaltung. Um den Anteil an erneuerbaren Energien im Vergleich zu anderen fossilen Energiearten umzukehren, müssten die Anstrengungen verfünffacht werden, damit das Ziel bis zum Jahr 2035 erreicht wird. „Und das nicht in ein paar Jahren sondern sofort“, mahnte Heublein nachdrücklich. Ob und wie sich in Dingelsdorf ein Nahwärmenetz verwirklichen lasse, werde demnächst durch die Stadtwerke Konstanz geklärt. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, betonte er und verwies auf Liggeringen.

Eine Energiewende vor Ort“, sagte dessen Ortsvorsteher Hermann Leiz, der ab 2014 das Nahwärmenetz vorangetrieben hat und seit drei Jahren zufriedener Kunde ist. „Unsere Lebensqualität hat sich seit 2019 erhöht. Alle Kunden haben einen kostenlosen Glasfaseranschluss für schnelles Internet“, sagte er begeistert. 260 Ein- und Mehrfamilienhäuser gibt es laut dem Ortsvorsteher in Liggeringen. „Bis Ende des Jahres werden 120 bis 130 Häuser angeschlossen sein“, schätze er. „Es hat viel Kraft gekostet, aber es hat sich gelohnt“, betonte Hermann Leiz.

Im Solarenergiedorf Liggeringen wurde auf einer freien Fläche Solarthermie-Kollektoren installiert. Davon werden 20 Prozent des jährlichen Wärmebedarfs gedeckt, die restlichen 80 Prozent über Holzhackschnitzel. Von einer Heizzentrale aus wird das erwärmte Wasser über ein sechs Kilometer langes Leitungsnetz in die Häuser verteilt.

Dingelsdorf verfolgt jedoch einen anderen Ansatz zur Energiegewinnung. Statt Sonne und Holzhackschnitzel soll der Bodensee die nötige Wärme liefern. Als Standort käme der Sportplatz beim Klausenhorn in Frage, erläuterte Heiner Fuchs. Die Heizzentrale und die Wasserentnahmestelle müssten nahe beim See gebaut werden. Beide würden unterirdisch errichtet, so dass auch keine größeren Probleme mit dem Naturschutz zu erwarten wären.

Dass die Nutzung von Seewasser-Wärme funktionieren kann, zeigte Markus Tittelbach auf. Insbesondere die Schweiz nutze diese Technologie und das nicht nur hier und am Genfer See. „Mit der Seewärme kann ich den See abkühlen“, erläuterte er. Selbst die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) habe dies gutgeheißen. Sie hatte den Wärmehaushalt und die möglichen Auswirkungen der Nutzung des Bodensees als Wärmequelle im Winter sowie als Kältequelle im Sommer mittels Wärmepumpen untersucht.

Gerd Burkert, Geschäftsführer der Energieagentur Kreis Konstanz, berichtete, dass die Antragsverfahren für Nahwärmeprojekte einfacher geworden seien. Außerdem hätten sich die Möglichkeiten zur Förderung verbessert. Interessierte können verschiedene Überprüfungen ihrer Häuser vornehmen lassen, die von Energieagentur und Verbraucherzentrale gemeinsam angeboten werden.

Die nächsten Schritte

Als nächsten Schritt wird die Ortsverwaltung eine Befragung aller Dingelsdorfer Hauseigentümer über Art und Verbrauch der bisherigen Heizung und ihre Bereitschaft, ihre Wohnung(en) an ein Nahwärmenetz anzuschließen, durchführen. Selbstverständlich ist eine Zustimmung nicht verbindlich, da zu dem Zeitpunkt ja weder Aussagen zur konkreten Technik noch zum Energiepreis vorliegen

Voraussetzung für die Föderung eines Nahwärmenetzes ist die Erstellung einer Machbarkeitsstudie.

Zur Technik

Ein Nahwärmenetz versorgt ein Wohngebiet oder ein ganzes Dorf mit Wärme aus einer zentralen Wärmequelle. Zu diesem Zweck strömt Wasser von der Zentrale zu den Häusern und gibt dort in einem Wärmetauscher einen Teil seiner Wärme ab.

Wärmequellen

In Liggeringen wird die Wärme z.B. aus einer Kombination aus Hackschnitzeln und Solarwärme gewonnen.

Hier in Dingelsdorf gibt es wegen der Nähe zum Bodensee auch die Möglichkeit, Wärme aus der Abkühlung des Bodenseewassers zu gewinnen. Dieses Verfahren wird in der Schweiz bereits seit Jahrzehnten an verschiedenen Seen, u.a. am Bodensee, angewandt.

Welche Wärmequelle letzendlich Verwendung findet, entscheidet sich nach der Erstellung einer Machbarkeitsstudie.

Altbau – Neubau

Ein moderner Neubau kommt für die Heizung mit einer Vorlauftemperatur von 30°C aus, ein Altbau benötigt oft 70°C. Aber auch ein Altbau kommt nach einer Wärmesanierung (z.B. Isolation, Fenster, Heizkörper) mit einer geringeren Vorlauftemperatur aus.

Mit welcher Temperatur soll also die Heizzentrale die Häuser versorgen?

Temperatur des Wärmenetzes

  1. Die einfachste Lösung ist die Wahl einer hohen Vorlauftemperatur, die für alle Gebäude geeignet ist. Dabei treten allerdings in den Leitungen die größten Wärmeverluste auf.
  2. Weniger Wärmeverluste hat man bei der Wahl einer Temperatur für sehr gut gedämmte Gebäude. In diesem Fall muss aber für die Warmwasser-Versorgung und in weniger gut gedämmten Gebäuden auch für die Heizung Nachheizungen, z.B. elektrisch betriebene Wärmepumpen, installiert werden.
  3. Keine Wärmeverluste gibt es, wenn das Wärmenetz mit der Temperatur des Bodenseewassers betrieben wird (ca. 6°C, ein sog. Anergienetz). Dann benötigt jedes Gebäude eine eigene elektrisch betriebene Wärmepumpe, die dem kalten Wasser Wärme entzieht und diese auf die notwendige Vorlauftemperatur bringt. Für eine Kilowattstunde elektrische Energie erhält man so ungefähr 4 Kilowattstunden Wärmeenergie. Dieses Prinzip verwenden auch Luft-Wasser-Wärmepumpen, allerdings mit dem Nachteil eines geringeren Wirkungsgrades und eines Gebläses im Garten. Auch mit Geothermie betriebene Wärmepumpen arbeiten so, jedoch mit erheblichen Kosten für die Bohrung.

Vorteile Nahwärme

  • Energiewende im Wärmebereich funktioniert besser gemeinsam, als wenn jeder für sich agiert
  • CO2 Einsparung (klimaschonend)
  • ein Nahwärmenetz ist technologieoffen (die Energie kann auf verschiedene Weise erzeugt werden)
  • mehr Platz im Heizungskeller (Wegfall von Brenner und Heizöltank)
  • kein Heizölgeruch mehr im Keller
  • keine Wartungsarbeiten und Kosten mehr für die Heizungsanlage
  • Sie müssen sich um keinen Brennstoffnachschub mehr sorgen.
  • Ein Anschluss an das Nahwärmenetz ist eine Investition für Generationen. Die Lebensdauer der Leitungen wird mit 40 Jahren angegeben.
  • Nahwärme hat einen Nutzungsgrad von 100 % (Sie bezahlen nur was Sie verbrauchen.)
  • Unsere Wärme wird über die Laufzeit des Vertrages günstiger sein als die Wärme aus anderen Heizquellen!
  • Keine CO2 Steuer ab 2021
  • Wertsteigerung der Immobilie
  • Die Luftqualität wird mit dem Einsatz vieler Einzelheizungen durch ein modernes, technisches hochwertiges und umweltfreundliches System deutlich verbessert.
  • Keine Geräuschentwicklung wie bei einer Luftwärmepumpe

Besuch des Dingelsdorfer Ortschaftsrats in der Nahwärmezentrale in Liggeringen

Am 8.9.2021 besuchten die Ortschaftsräte und Vertreter der AG Energie des AK Klimaschutz den Betrieb der Nahwärmezentrale. Sie dient der Wärmeversorgung der Liggeringer Haushalte aus regenerativen Energien. Die Führung fand unter der fachkundigen Führung von Herrn Reinhardt, Stadtwerke Radolfzell, und Ortsvorsteher Leiz statt.

Motivation für den Bau der Anlage war eine klimafreundliche Wärmeversorgung von Neubauten und Bestandsbauten mit veralteten Heizöl-, Flüssiggas- oder Stromheizungen. Bei Sonneneinstrahlung wird die Wärmeenergie mit einer Solarthermie-Anlage gewonnen, ergänzend im Winter und bei wenig Sonne mit einem Holzhackschnitzel-Kessel. Das Interesse der Liggeringer Bevölkerung war von Anfang an groß und inzwischen sind über 180 Haushalte angeschlossen, die sehr zufrieden mit der 2 Jahre alten Anlage sind.

Da in Dingelsdorf in nächster Zeit große Bauvorhaben realisiert werden wie Steinrennen, Mehrgenerationenhaus und Feuerwehrhaus ist eine solche Anlage auch für uns sehr interessant! Darüber hinaus sind auch private Haushalte an der Modernisierung ihrer Heizanlagen interessiert. Der Ortschaftsrat wird sich intensiv mit der Nahwärmeversorgung beschäftigen und die Bürgerinnen und Bürger von Dingelsdorf und Oberdorf in die Entscheidungsprozesse mit einbeziehen.